NICO, FDOK & Störfelder: was im Kieferknochen wirklich sinnvoll ist

NICO, FDOK, FDOJ, Kieferostitis oder „Störfeld“ – diese Begriffe werden derzeit stark beworben, oft verbunden mit der Sorge, im Kieferknochen verstecke sich eine unbemerkte Entzündung, die den ganzen Körper belastet und nur durch aufwändiges „Ausbohren“ oder ein Sofortimplantat beseitigt werden könne. Aus unserer Sicht ist diese Darstellung zu pauschal. In der Zahnarztpraxis Schneeweiß in Kitzbühel beurteilen wir jeden Befund im Kieferknochen einzeln und orientieren uns an dem, was sich medizinisch nachvollziehen und belegen lässt.

Nicht jeder Befund muss ausgebohrt werden

Ein einzelner Botenstoff ersetzt keine Diagnose

Sofortimplantate in entzündetem Gebiet sehen wir kritisch

Was ist mit NICO und FDOK gemeint?

NICO steht für „neuralgia-inducing cavitational osteonecrosis“, FDOK für „fettig-degenerative Osteonekrose des Kieferknochens“. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch von einer Kieferostitis oder von „Störfeldern“ gesprochen. Gemeint ist jeweils eine chronische, oft röntgenologisch schwer fassbare Veränderung im Kieferknochen, meist in Bereichen früherer Extraktionen. Beschrieben werden Hohlräume („Kavitationen“) im Knochen, die Beschwerden verursachen oder den Körper belasten sollen.

Medizinische Illustration eines Hohlraums im Kieferknochen mit Gewebe- und Nervenstruktur – NICO und FDOK im Kieferknochen

Wichtig zur Einordnung: Der wissenschaftliche Stand zu diesem Krankheitsbild ist bis heute unsicher. Ein aktueller systematischer Übersichtsartikel kommt zu dem Ergebnis, dass die Datenlage zu Ursache, Diagnostik und Behandlung schwach ist, dass es keinen anerkannten diagnostischen Goldstandard gibt und dass invasive Eingriffe nicht empfohlen werden können, solange bessere Studien fehlen. Das heißt nicht, dass es Beschwerden im Kieferknochen nicht gibt. Es heißt aber, dass man mit weitreichenden Diagnosen und großflächigen Eingriffen sehr vorsichtig sein sollte.

RANTES/CCL5: was der oft genannte „Botenstoff“ wirklich aussagt

Ein zentrales Argument für weitreichende Eingriffe ist der Botenstoff RANTES/CCL5 – ein körpereigenes Chemokin, das bei Entzündung und Wundheilung ganz normal eine Rolle spielt. In einzelnen Untersuchungen wurden in als FDOK eingestuften Bereichen erhöhte Werte gemessen, woraus eine Belastung des ganzen Körpers abgeleitet wird.

Diese Schlussfolgerung ist wissenschaftlich bisher nicht belegt. Die Studien stammen überwiegend von denselben wenigen Autoren, beruhen auf Fallserien statt unabhängigen, prospektiven Vergleichsstudien – selbst die Autoren fordern größere Studien, bevor verlässliche Rückschlüsse möglich sind. Zudem ist RANTES/CCL5 unspezifisch: Der Wert tritt bei vielen normalen Heilungsprozessen auf und beweist für sich keine „Herderkrankung“.

Für uns heißt das: Ein einzelner Botenstoff ersetzt keine Diagnose. Wir entscheiden anhand des konkreten Befundes – nicht anhand eines pauschal gedeuteten Markers.

Unsere Haltung: nicht jeder Befund muss „ausgebohrt“ werden

Ein Bereich im Kieferknochen, der nach einer Zahnentfernung nicht sofort ideal aussieht, heilt in den allermeisten Fällen von selbst aus und muss nicht zwingend chirurgisch „ausgeräumt“ werden. Der Körper ist grundsätzlich in der Lage, solche Bereiche über Wochen und Monate umzubauen und zur Ruhe zu bringen. Deshalb sehen wir es kritisch, gesunde oder sich normal erholende Kieferabschnitte vorsorglich großflächig aufzubohren.

Wann ein Eingriff sinnvoll ist und wie wir vorgehen

Anders ist die Situation, wenn tatsächlich ein anhaltend entzündeter, „beherdeter“ Bereich vorliegt, zum Beispiel um einen wurzelbehandelten Zahn, dessen Entzündung trotz Behandlung nicht ausheilt. Dann ist die konsequente Entfernung der Entzündung richtig und wichtig. Unser Vorgehen ist in solchen Fällen klar und bewusst konservativ:

Zahn entfernen

Der betroffene Zahn wird entfernt. Der entzündete Bereich wird anschließend penibel gereinigt, gründlich kürettiert und sorgfältig ausgeräumt, sodass entzündetes Gewebe möglichst vollständig entfernt wird.

Region ausheilen lassen

In der Regel geben wir dem Knochen und dem Weichgewebe rund drei bis fünf Monate Zeit, um sich zu erholen und stabil und entzündungsfrei zu werden.

Implantieren

Ist der Bereich reizfrei und tragfähig verheilt, planen wir das Implantat sauber und setzen es in gesunden, ausgeheilten Knochen.

Warum wir mit Sofortimplantaten zurückhaltend sind

Ein zunehmend beworbenes Vorgehen: einen entzündeten Zahn entfernen und im selben Termin sofort ein Implantat setzen. Ein Implantat direkt in aktiv entzündetes Gebiet zu setzen, sehen wir bewusst kritisch – für uns gilt: erst ausheilen lassen, dann implantieren. Sinnvoll kann eine Sofortimplantation dagegen bei Unfällen oder bei vital gesunden, abgebrochenen Zähnen sein. Bei größeren Arbeiten setzen wir dabei ausschließlich auf Titan.

Mehr dazu, einschließlich unserer Einschätzung zu „festen Zähnen an einem Tag“ und den besonderen Risiken bei Keramikimplantaten, findest du auf unserer Seite zu Sofortimplantaten.

Vitamin-D-Infusionen und Ozon: unser nüchterner Blick

Rund um die „biologische“ Zahnmedizin werden häufig zusätzliche Angebote beworben. Auch hier gilt: Wir bieten, was medizinisch begründbar ist.

Vitamin-D-Infusionen: aus unserer Sicht unnötig

Ein Mangel lässt sich einfach über das Blut feststellen und mit Tabletten ausgleichen – zuverlässig, günstig, ohne die Risiken eines venösen Zugangs.

Ozontherapie: keine überzeugende Evidenz

Für einen Nutzen über gründliche Reinigung und Desinfektion hinaus fehlt aus unserer Sicht die wissenschaftliche Grundlage.

Individuell entscheiden statt Angst machen

Wir möchten niemandem Angst vor „Giftherden“ im Kiefer machen und keine Methode pauschal verkaufen. Genauso wenig verharmlosen wir echte Entzündungen.

Entscheidend ist immer der konkrete Befund:

Liegt tatsächlich eine anhaltende Entzündung vor?

Heilt der Bereich von selbst aus?

Ist ein Eingriff medizinisch begründbar?

Was ist der sicherste Weg zu einem stabilen Langzeitergebnis?

Wenn ein Patient nach reiflicher Aufklärung ausdrücklich einen bestimmten Weg wünscht, besprechen wir das offen und ehrlich – immer mit Blick darauf, was medizinisch vertretbar, sicher und langfristig stabil ist. Gerne beraten Sie Dr. Thomas J. F. Hagel oder Dr. Friederike Wäldrich persönlich und ausführlich.

Ist ein wurzelbehandelter Zahn „giftig“ und muss er raus?

Nein, nicht grundsätzlich. Ein sorgfältig wurzelbehandelter, dichter und beschwerdefreier Zahn kann viele Jahre stabil bleiben. Begriffe wie „Leichengift“ oder „toter Zahn“ verunsichern, ersetzen aber keine Diagnose. Entscheidend ist der konkrete Befund: Liegt eine anhaltende Entzündung vor oder nicht?

Muss ein NICO- oder FDOK-Bereich immer „herausgebohrt“ werden?

Nein. Ein Kieferbereich, der nach einer Zahnentfernung nicht sofort ideal aussieht, heilt in den allermeisten Fällen von selbst aus. Ein chirurgisches Ausräumen ist nur dann sinnvoll, wenn tatsächlich eine anhaltende Entzündung nachweisbar ist – nicht vorsorglich.

Beweisen erhöhte RANTES/CCL5-Werte eine Erkrankung im Kiefer?

Nein. RANTES/CCL5 ist ein körpereigener Botenstoff, der bei vielen normalen Entzündungs- und Heilungsprozessen vorkommt. Die Studien, die daraus eine systemische Belastung ableiten, sind bisher nicht unabhängig bestätigt. Ein einzelner Marker ersetzt keine Diagnose.

Ist ein Sofortimplantat in einem entzündeten Bereich sinnvoll?

Wir sehen das kritisch. Ein Implantat direkt in aktiv entzündetes Gebiet zu setzen, ist aus unserer Sicht ein vermeidbares Risiko, wenn eine sichere Alternative besteht: erst ausheilen lassen, dann implantieren.

Setzt ihr Keramik- oder Titanimplantate?

Im Regelfall setzen wir bewährte, langzeitstabile Titanimplantate. Keramikimplantate sind für uns eine sinnvolle Option in ausgewählten Ausnahmefällen – etwa bei ausdrücklichem Wunsch nach einer metallfreien Lösung –, nicht der Standard, den jeder braucht.

Bringen Vitamin-D-Infusionen oder eine Ozontherapie einen Vorteil?

Aus unserer Sicht nein. Ein Vitamin-D-Mangel lässt sich im Bedarfsfall einfach mit Tabletten ausgleichen – eine Infusion bringt keinen belegten Zusatznutzen. Und für einen über gründliche Reinigung und Desinfektion hinausgehenden Nutzen der Ozontherapie fehlt die überzeugende wissenschaftliche Grundlage. Wir verzichten daher bewusst auf solche Zusatzangebote.

Quellen und wissenschaftliche Einordnung

NICO / FDOK: Sekundo C. et al., „Neuralgia-inducing cavitational osteonecrosis – A systematic review“, Oral Diseases 2022 (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33893686). Scoping Review, Archives of Oral Biology 2026 (sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0003996926000439). RANTES/CCL5: Lechner J., von Baehr V., EPMA Journal 2015 – hypothesengenerierende Fallstudien; die Autoren fordern selbst prospektive Multicenter-Studien (link.springer.com/article/10.1186/s13167-015-0032-4). Sofortimplantation in beherdete Alveolen: Medicina 2024 (pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11206124); Meta-Analyse 2020 (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32760474).