Wurzelbehandlung

Eine Wurzelbehandlung, fachlich Wurzelkanalbehandlung genannt, dient dazu, einen Zahn zu erhalten, dessen Zahnmark – die sogenannte Pulpa – irreversibel entzündet oder bereits abgestorben ist. Dabei werden entzündetes oder infiziertes Gewebe sowie Bakterien aus dem Wurzelkanalsystem entfernt. Anschließend werden die Kanäle gereinigt, desinfiziert und möglichst dicht verschlossen.

Sind wurzelbehandelte Zähne „Leichengift“?

Im Zusammenhang mit wurzelbehandelten Zähnen wird gelegentlich behauptet, ein solcher Zahn sei „totes Gewebe“, produziere sogenanntes „Leichengift“ und vergifte dadurch dauerhaft den gesamten Körper. Für diese pauschale Behauptung gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.

Bei einer Wurzelbehandlung wird das erkrankte oder abgestorbene Pulpagewebe aus dem Inneren des Zahnes entfernt. Das gereinigte Wurzelkanalsystem wird anschließend desinfiziert und gefüllt. Der Zahn selbst besteht überwiegend aus mineralisierter Zahnhartsubstanz und beginnt nach einer Wurzelbehandlung nicht zu verwesen.

Der Ausdruck „Leichengift“ ist kein zahnmedizinischer Fachbegriff. Er wird vor allem in alternativmedizinischen Darstellungen verwendet und vermischt unterschiedliche biologische Vorgänge zu einer beängstigenden, aber wissenschaftlich nicht haltbaren Erklärung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder wurzelbehandelte Zahn automatisch gesund ist. Wurden Wurzelkanäle nicht vollständig gefunden, unzureichend gereinigt oder undicht verschlossen, können Bakterien im Kanalsystem verbleiben oder erneut eindringen. Dadurch kann eine Entzündung an der Wurzelspitze fortbestehen oder neu entstehen.

Das tatsächliche medizinische Problem ist dann jedoch keine geheimnisvolle Vergiftung durch einen „toten Zahn“, sondern eine lokale bakterielle Infektion beziehungsweise eine apikale Parodontitis. Diese lässt sich anhand des klinischen Befundes und geeigneter Röntgenaufnahmen beurteilen und kann je nach Situation durch eine Revision, eine chirurgische Behandlung oder die Entfernung des Zahnes behandelt werden.

Ein fachgerecht behandelter, entzündungsfreier und stabil versorgter Zahn muss nicht allein deshalb entfernt werden, weil er wurzelbehandelt ist. Ebenso darf eine fortbestehende Entzündung nicht verharmlost oder unbegrenzt beobachtet werden. Entscheidend ist immer der konkrete Befund und nicht eine pauschale Einteilung in „lebendige“ und angeblich „giftige tote“ Zähne. Quelle: American Association of Endodontists: Root Canal Safety

Wann ist eine Wurzelbehandlung notwendig?

Im Inneren eines Zahnes befindet sich die Pulpa. Sie besteht aus Nervenfasern, Blutgefäßen und Bindegewebe. Gelangen Bakterien bis in diesen Bereich, kann sich die Pulpa entzünden und schließlich absterben.

Häufige Ursachen sind:

  • eine sehr tiefe Karies
  • undichte oder sehr große Füllungen
  • Risse oder Frakturen des Zahnes
  • ein Unfall oder Schlag auf den Zahn
  • wiederholte Behandlungen an demselben Zahn
  • eine Infektion an der Wurzelspitze

Eine vorübergehende Reizung der Pulpa kann sich unter bestimmten Voraussetzungen wieder beruhigen. Bei einer irreversiblen Entzündung oder einer bereits abgestorbenen und infizierten Pulpa ist eine Wurzelkanalbehandlung häufig die einzige Möglichkeit, den Zahn zu erhalten.

3D-Darstellung eines Zahnes mit tiefer Karies, Bakterien im Wurzelkanal und apikaler Entzündung

Tiefe Karies kann die Pulpa erreichen. Bakterien können sich über das Wurzelkanalsystem ausbreiten und im Bereich der Wurzelspitze eine Entzündung des umgebenden Gewebes verursachen.

Welche Beschwerden können auftreten?

Eine Entzündung oder Infektion der Pulpa kann sehr unterschiedlich verlaufen. Mögliche Beschwerden sind:

  • starke oder länger anhaltende Zahnschmerzen
  • Schmerzen bei Wärme oder Kälte
  • Aufbiss- oder Klopfempfindlichkeit
  • ein Druckgefühl im Bereich des Zahnes
  • Schwellungen
  • eine Fistel am Zahnfleisch
  • eine Verfärbung des Zahnes

Ein abgestorbener Zahn kann allerdings auch längere Zeit völlig beschwerdefrei bleiben. Eine Entzündung an der Wurzelspitze wird dann manchmal erst bei einer Röntgenuntersuchung entdeckt.

Schmerzfreiheit bedeutet daher nicht automatisch, dass keine Entzündung vorhanden ist.

Wie läuft eine Wurzelbehandlung ab?

Der genaue Ablauf hängt von der Anatomie des Zahnes, dem Ausmaß der Entzündung, möglichen Vorbehandlungen und der Erhaltungswürdigkeit des Zahnes ab.

Untersuchung und Diagnose

Vor der Behandlung werden die Beschwerden, die Reaktion des Zahnes und der Zustand des umgebenden Gewebes untersucht. Dazu können Kälte- oder Sensibilitätstests, Klopf- und Aufbissproben sowie Röntgenaufnahmen gehören.

Nicht jeder schmerzende Zahn benötigt automatisch eine Wurzelbehandlung. Vor Beginn der Behandlung muss möglichst genau geklärt werden, ob die Pulpa nur vorübergehend gereizt, irreversibel entzündet oder bereits abgestorben ist.

Örtliche Betäubung

Die Behandlung erfolgt normalerweise unter örtlicher Betäubung. Auch ein Zahn mit abgestorbener Pulpa kann im Bereich der Wurzelspitze oder des Zahnhalteapparates schmerzempfindlich sein.

Bei einer sehr starken akuten Entzündung kann die vollständige Betäubung schwieriger sein. Durch angepasste Betäubungstechniken lässt sich die Behandlung dennoch in den meisten Fällen gut durchführen.

Trockenlegung des Zahnes

Während der Wurzelkanalbehandlung sollte der Zahn möglichst von Speichel und Bakterien aus der Mundhöhle abgeschirmt werden. Dafür wird häufig ein elastisches Spanngummi, der sogenannte Kofferdam, verwendet, falls nötig.

Die Trockenlegung verbessert die hygienischen Bedingungen und verhindert gleichzeitig, dass Spüllösungen oder kleine Instrumente in die Mundhöhle gelangen, kann jedoch oft auch ohne Kofferdam

Zugang zum Wurzelkanalsystem

Der Zahn wird von der Kaufläche oder Rückseite aus geöffnet. Danach werden die Eingänge zu den Wurzelkanälen aufgesucht. Die Anatomie kann sehr komplex sein. Besonders Backenzähne besitzen häufig mehrere Wurzeln und Wurzelkanäle. Manche Kanäle sind sehr fein, stark gekrümmt, verkalkt oder durch frühere Behandlungen verändert.

Nicht erkannte oder unbehandelte Kanäle können eine Ursache für eine fortbestehende Infektion sein.

Bestimmung der Kanallänge

Damit die Wurzelkanäle bis in den Bereich nahe der Wurzelspitze gereinigt werden können, muss ihre Länge möglichst genau bestimmt werden. Dafür können elektronische Längenmessungen und Röntgenaufnahmen kombiniert werden. Eine korrekte Arbeitslänge ist wichtig, um infiziertes Gewebe möglichst vollständig zu entfernen, ohne das Gewebe jenseits der Wurzel unnötig zu verletzen.

Entfernung des entzündeten oder abgestorbenen Gewebes

Das entzündete oder abgestorbene Pulpagewebe wird aus den Wurzelkanälen entfernt. Gleichzeitig werden vorhandene Bakterien, Gewebereste und Ablagerungen reduziert.

Bei einer infizierten Pulpanekrose befinden sich die Mikroorganismen nicht nur im Hauptkanal. Sie können auch in feine Seitenkanäle, Verzweigungen und die kleinen Dentinkanälchen der Wurzelwand eingedrungen sein. Deshalb reicht das bloße Entfernen des Zahnnervs nicht aus.

Reinigung und Desinfektion der Wurzelkanäle

Die Wurzelkanäle werden mit sehr feinen Instrumenten mechanisch erweitert und gereinigt. Moderne maschinelle Instrumente können dabei durch Handinstrumente ergänzt werden.

Zusätzlich werden desinfizierende Spüllösungen eingesetzt. Sie helfen dabei:

  • Bakterien zu reduzieren
  • abgestorbenes Gewebe aufzulösen
  • organische Rückstände zu entfernen
  • den bei der Instrumentierung entstehenden Wurzelkanalschlamm zu beseitigen
  • Bereiche zu reinigen, die von Instrumenten nicht direkt erreicht werden können

Die mechanische Reinigung und die chemische Desinfektion ergänzen sich. Da das Wurzelkanalsystem zahlreiche Verzweigungen und Unregelmäßigkeiten besitzt, lässt es sich nicht wie ein einfaches glattes Rohr behandeln. Die Natur hat offenbar beschlossen, auch in einem Zahn ein kompliziertes Höhlensystem unterzubringen.

3D-Darstellung einer Wurzelbehandlung an einem Molaren mit Feile, Spülkanüle, gereinigten Wurzelkanälen, Bakterienresten und Entzündung an der Wurzelspitze

Bei der Wurzelbehandlung werden die Wurzelkanäle mechanisch aufbereitet, mit geeigneten Lösungen gespült und desinfiziert. Ziel ist eine möglichst weitgehende Entfernung von Bakterien, Geweberesten und entzündungsfördernden Substanzen.

Aktivierung der Spüllösungen

Je nach Behandlungssituation können Spüllösungen zusätzlich bewegt oder aktiviert werden. Dies kann beispielsweise durch Schall, Ultraschall oder spezielle Spültechniken erfolgen.

Dadurch soll der Flüssigkeitsaustausch innerhalb des Kanalsystems verbessert werden. Auch eine aktivierte Spülung kann jedoch nicht garantieren, dass jede mikroskopisch kleine Verzweigung vollständig keimfrei wird.

Das realistische Behandlungsziel besteht deshalb in einer möglichst starken Reduktion der Infektion und einem anschließenden dichten Verschluss des gereinigten Kanalsystems.

Erfolgt die Behandlung in einer oder mehreren Sitzungen?

Eine Wurzelbehandlung kann abhängig vom Befund in einer oder mehreren Sitzungen durchgeführt werden.

Eine Behandlung in einer Sitzung kann infrage kommen, wenn:

  • die Kanäle vollständig aufbereitet und desinfiziert werden können
  • keine stärkere Sekretion aus den Kanälen besteht
  • keine ausgeprägte akute Schwellung vorliegt
  • der Zahn sicher und dicht versorgt werden kann

Mehrere Sitzungen können sinnvoll sein, wenn:

  • eine ausgeprägte Infektion besteht
  • Flüssigkeit oder Eiter aus dem Kanalsystem austritt
  • die Behandlung wegen einer komplizierten Anatomie unterbrochen werden muss
  • eine medikamentöse Einlage erforderlich erscheint
  • Beschwerden zunächst kontrolliert werden sollen

Zwischen den Behandlungsterminen wird der Zahn provisorisch verschlossen. Dieser Verschluss muss möglichst dicht sein, damit nicht erneut Bakterien aus der Mundhöhle in das Kanalsystem eindringen.

Medikamentöse Einlage

Bei mehrzeitigen Behandlungen kann eine desinfizierende medikamentöse Einlage in die Wurzelkanäle eingebracht werden. Häufig wird dafür ein kalziumhydroxidhaltiges Material verwendet.

Die Einlage soll die Keimzahl weiter reduzieren und das Milieu im Kanalsystem verändern. Sie ersetzt jedoch weder die mechanische Aufbereitung noch die gründliche Spülung.

Vor der endgültigen Wurzelfüllung wird die Einlage wieder entfernt.

Die Wurzelfüllung

Nach ausreichender Reinigung, Desinfektion und Trocknung werden die Wurzelkanäle möglichst vollständig und dicht gefüllt.

Dafür wird üblicherweise ein festes Wurzelfüllmaterial mit einem pastenförmigen Sealer kombiniert. Das feste Material füllt den Hauptanteil des Kanals. Der Sealer soll kleine Zwischenräume und Unregelmäßigkeiten zwischen dem Wurzelfüllmaterial und der Kanalwand abdichten.

Je nach Behandlungskonzept können unterschiedliche Fülltechniken und Sealer verwendet werden. Dazu gehören auch biokeramische beziehungsweise kalziumsilikatbasierte Sealer, die häufig als Biosealer bezeichnet werden.

3D-Darstellung eines wurzelbehandelten Molaren mit blau dargestellter Wurzelfüllung, weißer Biosealer-Schicht, feinen Seitenkanälen im Dentin und beginnendem Heilungsprozess an der Wurzelspitze

Nach der Reinigung und Desinfektion werden die Wurzelkanäle mit einem Wurzelfüllmaterial und einem Sealer verschlossen. Der Sealer unterstützt die Abdichtung kleiner Unregelmäßigkeiten innerhalb des aufbereiteten Kanalsystems.

Eine auf dem Röntgenbild gut aussehende Wurzelfüllung ist wichtig, aber nicht der einzige Erfolgsfaktor. Entscheidend sind auch:

  • die vorherige Desinfektion
  • die Behandlung aller vorhandenen Kanäle
  • die ausreichende Länge der Wurzelfüllung
  • die Dichtigkeit des Verschlusses
  • die spätere Versorgung des Zahnes

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: Die Wurzelkanalbehandlung

Der bakteriendichte Verschluss des Zahnes

Nach der Wurzelfüllung muss der Zugang zum Kanalsystem dauerhaft bakteriendicht verschlossen werden. Undichte Füllungen oder Kronen können dazu führen, dass erneut Bakterien in den Zahn gelangen.

Je nach verbleibender Zahnhartsubstanz kommen unterschiedliche Versorgungen infrage:

  • eine direkte Kompositfüllung
  • ein Inlay oder Onlay
  • eine Teilkrone
  • eine vollständige Krone
  • in ausgewählten Fällen ein Stiftaufbau

Ein Stift dient nicht dazu, den Zahn oder die Wurzel „zu verstärken“. Er kann notwendig sein, wenn nicht mehr genügend Zahnsubstanz vorhanden ist, um den Aufbau sicher zu halten.

Warum können wurzelbehandelte Zähne leichter brechen?

Ein wurzelbehandelter Zahn wird nicht deshalb automatisch spröde, weil ihm der Zahnnerv fehlt. Das größere Bruchrisiko entsteht vor allem durch den häufig bereits vorher vorhandenen Verlust an Zahnhartsubstanz.

Ursachen dafür können sein:

  • große kariöse Defekte
  • frühere ausgedehnte Füllungen
  • Risse oder Frakturen
  • der notwendige Zugang zum Wurzelkanalsystem
  • dünne oder geschwächte Zahnwände

Besonders bei Backenzähnen muss deshalb beurteilt werden, ob die verbliebenen Höcker ausreichend stabil sind oder durch eine Teilkrone beziehungsweise Krone geschützt werden sollten.

Ist eine Wurzelbehandlung schmerzhaft?

Die Behandlung erfolgt normalerweise unter örtlicher Betäubung und ist dadurch meist gut durchführbar.

Nach der Behandlung kann der Zahn für einige Tage druck- oder aufbissempfindlich sein. Das Gewebe an der Wurzelspitze kann durch die vorherige Entzündung und die Behandlung vorübergehend gereizt sein.

Die Beschwerden sollten im Verlauf abnehmen. Eine sofortige Kontrolle ist insbesondere erforderlich bei:

  • zunehmenden oder sehr starken Schmerzen
  • deutlicher Schwellung
  • Fieber
  • eingeschränkter Mundöffnung
  • Schluckbeschwerden
  • Atembeschwerden
  • ausgeprägtem Krankheitsgefühl

Schluck- oder Atembeschwerden können Zeichen einer sich ausbreitenden Infektion sein und müssen dringend medizinisch abgeklärt werden.

Werden bei einer Wurzelbehandlung Antibiotika benötigt?

Eine lokale Infektion innerhalb eines Wurzelkanals wird in erster Linie durch die zahnärztliche Behandlung beseitigt. Dazu gehören die Reinigung und Desinfektion des Kanalsystems, die Drainage einer vorhandenen Eiteransammlung und gegebenenfalls weitere chirurgische Maßnahmen.

Antibiotika ersetzen diese Behandlung nicht.

Sie können notwendig sein, wenn sich die Infektion über den unmittelbaren Bereich des Zahnes hinaus ausbreitet oder Allgemeinsymptome auftreten. Dazu gehören beispielsweise:

  • Fieber
  • ausgeprägtes Krankheitsgefühl
  • zunehmende diffuse Schwellung
  • Lymphknotenschwellung
  • eingeschränkte Mundöffnung
  • Schluckbeschwerden
  • erhöhte Risiken durch bestimmte Allgemeinerkrankungen

Die Entscheidung muss anhand des individuellen Befundes getroffen werden. Eine routinemäßige Antibiotikagabe bei jeder Wurzelbehandlung ist weder notwendig noch medizinisch sinnvoll.

Kann eine Entzündung an der Wurzelspitze abheilen?

Durch die Entfernung beziehungsweise deutliche Reduktion der Infektion aus dem Wurzelkanalsystem werden die Voraussetzungen geschaffen, damit das Gewebe an der Wurzelspitze heilen kann.

Eine auf dem Röntgenbild sichtbare knöcherne Veränderung verschwindet jedoch nicht sofort. Die Regeneration des Knochens kann mehrere Monate oder auch länger dauern.

Der Heilungsverlauf wird anhand klinischer und röntgenologischer Kontrollen beurteilt. Dabei sind unter anderem folgende Punkte wichtig:

  • Beschwerdefreiheit
  • fehlende Schwellung oder Fistel
  • normale Belastbarkeit des Zahnes
  • Rückgang oder vollständige Ausheilung der Veränderung im Röntgenbild
  • dichter und stabiler Verschluss des Zahnes

Eine noch sichtbare Veränderung kurz nach der Behandlung bedeutet daher nicht automatisch, dass die Therapie gescheitert ist. Umgekehrt beweist alleinige Schmerzfreiheit noch keine vollständige Heilung.

Ist ein wurzelbehandelter Zahn „tot“?

Nach einer vollständigen Wurzelkanalbehandlung befindet sich im Inneren des Zahnes keine vitale Pulpa mehr. Umgangssprachlich wird deshalb häufig von einem „toten Zahn“ gesprochen.

Diese Bezeichnung ist jedoch missverständlich. Der Zahn bleibt über den Zahnhalteapparat mit dem Kiefer verbunden. Die Wurzelhaut wird weiterhin durchblutet und ermöglicht unter anderem die Wahrnehmung von Druck und Belastung.

Ein wurzelbehandelter Zahn kann deshalb weiterhin:

  • fest im Kiefer stehen
  • normal belastet werden
  • beim Kauen funktionieren
  • über viele Jahre oder Jahrzehnte erhalten bleiben

Er besitzt lediglich keine vitale Pulpa mehr und reagiert daher nicht mehr wie ein gesunder Zahn auf Kälte- oder Sensibilitätstests.

Ein solcher Zahn ist nicht automatisch ein „Störfeld“, eine Giftquelle oder eine Belastung für den gesamten Körper. Entscheidend ist, ob er entzündungsfrei, dicht verschlossen, stabil restauriert und regelmäßig kontrolliert ist.

Was passiert, wenn die Wurzelbehandlung nicht heilt?

Trotz sorgfältiger Behandlung kann eine Entzündung fortbestehen oder später erneut auftreten.

Mögliche Ursachen sind:

  • ein nicht erkannter Wurzelkanal
  • eine besonders komplexe Kanalanatomie
  • verbleibende Bakterien in schwer zugänglichen Bereichen
  • eine zu kurze oder undichte Wurzelfüllung
  • eine undichte Füllung oder Krone
  • eine erneute Karies
  • ein Riss oder eine Fraktur der Wurzel
  • eine ausgeprägte parodontale Schädigung

Abhängig vom Befund kommen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten infrage.

Revision der Wurzelbehandlung

Bei einer Revision wird die vorhandene Wurzelfüllung entfernt. Danach wird das Kanalsystem erneut untersucht, gereinigt, desinfiziert und gefüllt.

Eine Revision kann sinnvoll sein, wenn:

  • Kanäle übersehen wurden
  • die vorhandene Wurzelfüllung unzureichend ist
  • eine erneute bakterielle Kontamination vermutet wird
  • der Zahn grundsätzlich noch restaurierbar und erhaltungswürdig ist

Die Revision kann durch alte Wurzelfüllungen, Stifte, stark gekrümmte Kanäle oder abgebrochene Instrumente erschwert werden.

Wurzelspitzenresektion

Ist eine erneute Behandlung über den Zahn nicht möglich oder nicht ausreichend erfolgversprechend, kann in geeigneten Fällen eine Wurzelspitzenresektion erwogen werden.

Dabei wird die Wurzelspitze chirurgisch dargestellt und entfernt. Entzündetes Gewebe wird beseitigt und das Kanalsystem kann von der Wurzelspitze aus verschlossen werden.

Die Operation ersetzt nicht grundsätzlich eine unzureichende Wurzelkanalbehandlung. Wenn eine orthograde Revision sinnvoll und möglich ist, sollte diese Möglichkeit in die Behandlungsentscheidung einbezogen werden.

Entfernung des Zahnes

Ist der Zahn nicht mehr sicher restaurierbar, vertikal frakturiert, parodontal stark geschädigt oder trotz sinnvoller Behandlungsversuche dauerhaft entzündet, kann die Entfernung notwendig sein.

Nicht jeder auffällige wurzelbehandelte Zahn muss sofort gezogen werden. Ebenso sollte ein eindeutig nicht erhaltungsfähiger oder dauerhaft infizierter Zahn nicht allein aus ideologischen Gründen erhalten bleiben.

Die Entscheidung richtet sich nach:

  • dem klinischen Befund
  • den Röntgenbefunden
  • der Qualität der vorhandenen Behandlung
  • der Restaurierbarkeit
  • dem Zustand des Zahnhalteapparates
  • möglichen Rissen oder Frakturen
  • der langfristigen Prognose
  • den individuellen gesundheitlichen Voraussetzungen

Wie erfolgreich ist eine Wurzelbehandlung?

Die Erfolgsaussichten hängen stark von der Ausgangssituation und der Behandlungsqualität ab.

Günstige Voraussetzungen bestehen insbesondere, wenn:

  • der Zahn restaurierbar ist
  • alle Wurzelkanäle behandelt werden können
  • keine Wurzelfraktur vorhanden ist
  • die Infektion ausreichend reduziert wird
  • die Wurzelfüllung dicht ausgeführt werden kann
  • der Zahn anschließend stabil und bakteriendicht versorgt wird
  • regelmäßige Kontrollen erfolgen

Eine bereits bestehende große Entzündung, eine komplexe Kanalanatomie, frühere Behandlungsfehler, starke parodontale Schäden oder Risse können die Prognose verschlechtern.

Eine Garantie für die dauerhafte Erhaltung eines Zahnes kann auch bei technisch korrekter Behandlung nicht gegeben werden.

Warum sind Kontrollen wichtig?

Auch ein beschwerdefreier wurzelbehandelter Zahn sollte regelmäßig kontrolliert werden.

Dabei werden unter anderem folgende Punkte beurteilt:

  • Beschwerden und Aufbissempfindlichkeit
  • Lockerung des Zahnes
  • Zustand des Zahnfleisches und Zahnhalteapparates
  • Dichtigkeit der Füllung oder Krone
  • mögliche neue Karies
  • Stabilität des Zahnes
  • Entwicklung einer früheren Entzündung im Röntgenbild

Kontrollen ermöglichen es, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Das ist wesentlich sinnvoller, als einen Zahn erst dann wieder anzusehen, wenn er sich mit Schmerzen und Schwellung nachdrücklich in Erinnerung bringt.

Zusammenfassung

Eine Wurzelbehandlung soll einen Zahn erhalten, dessen Pulpa irreversibel entzündet, abgestorben oder infiziert ist. Dafür werden entzündetes beziehungsweise abgestorbenes Gewebe und Bakterien aus dem Wurzelkanalsystem entfernt oder möglichst weitgehend reduziert.

Anschließend werden die Kanäle:

  • mechanisch gereinigt
  • mit geeigneten Lösungen gespült
  • desinfiziert
  • getrocknet
  • möglichst dicht gefüllt

Danach muss der Zahn bakteriendicht und ausreichend stabil restauriert werden.

Die Behauptung, jeder wurzelbehandelte Zahn produziere „Leichengift“ und vergifte den Körper, ist wissenschaftlich nicht belegt. Ein fachgerecht behandelter und entzündungsfreier Zahn kann weiterhin normal funktionieren und langfristig erhalten bleiben.

Eine unzureichend behandelte oder erneut infizierte Wurzel kann dagegen eine lokale Entzündung verursachen. Diese muss fachlich diagnostiziert und abhängig vom Befund durch eine Revision, eine Wurzelspitzenresektion oder die Entfernung des Zahnes behandelt werden.

Entscheidend ist daher nicht, ob ein Zahn pauschal als „tot“ bezeichnet wird, sondern ob er klinisch und röntgenologisch gesund, stabil versorgt und langfristig erhaltungsfähig ist.

Wissenschaftliche Grundlage: European Society of Endodontology: S3-Leitlinie zur Behandlung pulpaler und apikaler Erkrankungen

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