Sofortimplantate – Chancen und Risiken
Ein zunehmend beworbenes Vorgehen: einen Zahn entfernen und im selben Termin sofort ein Implantat setzen, oft zusätzlich mit PRF „aufgefüllt“. In ausgewählten, gut kontrollierten Fällen kann das möglich sein – ein Implantat direkt in aktiv entzündetes Gebiet setzen wir aber bewusst nicht.

Warum wir mit Sofortimplantaten zurückhaltend sind
Besonders vorsichtig sind wir bei Konzepten wie „feste Zähne an einem Tag“, wie sie etwa im Rahmen von Zahntourismus nach Ungarn stark beworben werden. Mehrere Implantate an einem Tag zu setzen, oft ohne ausführliche Vorplanung und Ausheilzeit, erhöht das Risiko spürbar – gerade wenn zusätzlich noch entzündetes Gewebe im Spiel ist.
Für uns ist das ein vermeidbares Risiko, wenn eine sichere Alternative besteht: erst ausheilen lassen, dann implantieren. Eine gute Langzeitprognose beginnt mit sauberer Diagnostik und realistischer Planung – nicht mit dem Anspruch, alles an einem Tag zu erledigen. PRF kann einen Eingriff sinnvoll unterstützen, ersetzt aber keine ausgeheilte Ausgangssituation.
Wann eine Sofortimplantation infrage kommt
Nicht jede Situation ist gleich riskant. Entscheidend ist immer der konkrete Befund:
Gesundes, entzündungsfreies Zahnfach
Ausreichend Knochen vorhanden
Stabiles Weichgewebe
Bei diesen Voraussetzungen kann eine Sofortimplantation im Einzelfall eine sinnvolle Option sein – vorausgesetzt, die Ausgangslage wird vorher sorgfältig geprüft. Nicht ein pauschales Versprechen, sondern der Befund entscheidet.
Besondere Vorsicht bei Keramikimplantaten
Bei einer Sofortimplantation mit Keramikimplantaten kommt ein zusätzlicher Aspekt hinzu: Keramikimplantate benötigen aus Stabilitätsgründen einen größeren Durchmesser als Titanimplantate. Passt dieser nicht optimal in die Alveole, kann der Implantatkörper die dünne bukkale Knochenwand unter Druck setzen und sie langsam zurückbilden – oft unbemerkt, da Keramik den Knochenrückgang weniger sichtbar durchschimmern lässt als eine dunkle Titanschraube. Ohne regelmäßige Röntgenkontrolle bleibt das daher oft lange unentdeckt.

Aus diesem Grund prüfen wir vor jeder Sofortimplantation mit Keramik besonders sorgfältig, ob der vorhandene Knochen für den größeren Durchmesser tatsächlich ausreicht – und raten andernfalls zu einem schmaleren Titanimplantat oder einem vorherigen Knochenaufbau.
Nach ausgeheilter Situation
Setzen wir nach ausgeheilter Situation ein Implantat, ist das in unserer Praxis im Regelfall ein bewährtes, langzeitstabiles Titanimplantat. Bei größeren Arbeiten setzen wir ausschließlich auf Titan – Keramik ist für uns eine sinnvolle Option nur bei einzelnen, kleineren Versorgungen und ausdrücklichem Wunsch nach metallfrei, nicht als Standard.
Quellen und wissenschaftliche Einordnung
Buccal Bone Thickness in Anterior and Posterior Teeth, Systematic Review, 2021: über 60 % der Fälle mit bukkaler Knochenwand unter 1 mm im Frontzahnbereich; mittlerer Knochenverlust von 7,5 mm bei dünner Wand gegenüber 1,1 mm bei ausreichender Dicke (ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8700878). Kohortenstudie zur bukkalen Kammdicke nach Sofortimplantation, 2022: kleinerer Implantatdurchmesser wird zur Minimierung der Knochenresorption empfohlen (ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9306851). Zirconia ceramics in metal-free implant dentistry, Übersichtsartikel: durchmesserreduzierte Zirkonoxid-Implantate mit erhöhtem Versagensrisiko bei unzureichender Belastungsplanung (tandfonline.com/doi/full/10.1080/17436753.2016.1264537).
